So erlebte ich als Patientin die Krebsarbeit im Circadian

(U.K. 53 Jahre, Darmkrebserkrankung Mai 2003,)

Was ist gut in meinem Leben?

Was hindert mich mehr davon zu haben?

Wofür lohnt es sich weiterzuleben?

Sechs Monate nach meiner Krebsdiagnose las ich diese Sätze in einem Prospekt des Circadian-Institutes. Und: Sie ließen mich nicht mehr los.

Genau das war es, was ich mich heimlich, aber immer häufiger fragte.

Eine Freundin hatte mir von einem Institut erzählt, das spezielle Kurse für Krebserkrankte anbietet. Sie sah, wie schlecht es mir ging und war ratlos. Ich war skeptisch. Aber sie hatte Recht: Es musste etwas passieren. Ich arbeitete noch nicht wieder, weinte oft, alles war mir zuviel – mein Körper, meine Gefühle, sogar meine süßen Kinder.

„Ordnungen der Liebe im Körper wieder herstellen“ lese ich in dem Prospekt, den man mir zuschickte. „Gruppenarbeit für Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen und Frauen nach Krebs“.

Ich war eine „Frau nach Krebs“! Irgendwie beruhigte es mich, dass auch nicht an Krebs erkrankte Frauen mitmachen durften. Denn: Ich wollte ja gesund werden und alles andere, als mich weiterhin mit meinem Körper und meiner Krankheit auseinander zu setzen. Ein Neuanfang gemeinsam mit anderen Krebserkrankten? Geht da überhaupt? Ich war mehr als skeptisch!

Das Programm, das das Circadian Institut entwickelt hat, nennt sich „Systemische Krebsnachsorge“. „Mit Hilfe von Psychosyntheseübungen und Organaufstellungen können wir lernen“, lese ich, „dem Körper wieder zuzuhören, die Abwehr innen und außen zu stärken, aus altem Gefühlswust und Zukunftsängsten ins Hier und Jetzt zu kommen. Neue Lebensfreude zu bekommen!“

Das ist es! Plötzlich war es mir klar. Ich versuche mich auf der Internetseite klug zu machen über Psychosynthese, was nicht einfach ist, und besuche einen Informationsabend im Institut Circadian.

Eine Frau erzählt von ihren Bauchschmerzen, also kein Krebs, eine andere von ihren vielen Allergien. Zwei Frauen stehen noch mitten in der Krebsbehandlung, man sieht es, ihre Haare sind raspelkurz. Ihre Haltung: Sachlich!

Was hindert mich, vom guten Leben mehr zu bekommen?

Diese Frage lässt mich nicht los. Ich melde mich an! Voller Hoffnung und skeptisch.

Es ist so: Unsere Gruppe besteht aus krebserkrankten Frauen und einigen wenigen Frauen mit anderen körperlichen Beschwerden/Erkrankungen.

Plötzlich bekomme ich Angst. Können die überhaupt mitreden? Sich vorstellen, nein wissen, wie das ist, wenn der Arzt zu Dir sagt: Das sieht sehr schlecht aus! Ab da hatte ich das Gefühl, eine Glasscheibe wäre zwischen mich und die Welt gerutscht!

Gleichzeitig war ich froh über die Anwesenheit „gesunder“ Frauen. Dann wird das zumindest kein Krebsclub, keine Trauerrunde. Das war das Letzte, was ich wollte!

Und – ich greife voraus – das war das Letzte was ich bekommen habe.

Denn selten habe ich in so kurzer Zeit soviel Kraft getankt, gelacht und gelernt wie in diesen 10 x 3 Stunden! Und selten so wenig über Krankheiten geredet!

„Ach“, sagte einmal eine von uns, “warum hat uns das keiner gesagt, dass das hier ein Kurs in Selbstliebe und Lebensfreude ist!“

Das Handwerkszeug, dieses alles in Gang zu bringen, war neben den regelmäßigen Gesprächsrunden, die vielfältigsten Psychosynthese-Übungen. Es wurde gemalt, gespielt und gemeinsam nachgedacht, über das, was wir sahen und fühlten. Wir wanderten mit geschlossenen Augen – unter Anleitung der Therapeutin – durch unseren Körper, vorsichtig tastend, fragend und oft mit liebevollen, heilsamen Gedanken. Wir lösten tiefe Anspannungen mit Hilfe von Phantasiereisen, malten auf, was wir mit geschlossenen

Augen sahen, schrieben Antworten auf, die uns plötzlich einfielen, als wir dann unsere Bilder sahen. Auf große Papierrollen malten wir gegenseitig die Umrisse unserer Körper und dahinein das, was wir spürten, innen drin.

Wir malten uns mit 5 Jahren mit unserer Familie. „Geht nicht“, sagte bald keiner mehr. Dann sitzen wir da in kleiner Runde und staunen, was andere und die Therapeutin in unseren Bildern entdecken und was sie vermissen: „Warum hat niemand in Deiner Familie Hände?“

Nie hatte ich geglaubt, mich so hinein stürzen zu können. Nach der zweiten Malübung schon verlor ich meine Scheu „einfach drauflos zu malen“ – mit dicken roten und blauen Wachsmalstiften. Die liebte ich.

Die Sicht auf unser eigenes Leben wird hier durchgepustet. Erhellend, berührend, aber zum Glück nie erschreckend. Weil wir hier nicht entlarven, sondern sehen, was war, was ist.

Wir sehen, dass sich Schmerzen aus der Vergangenheit in unseren Körper „eingelagert“ haben, sich oft in Gestalt von Krankheiten oder körperlichen Schmerzen offenbaren. Und wie wohltuend es ist, dass diese Emotionen, alte Ängste, eingefahrene Verhaltensweisen an die Oberfläche kommen dürfen.

Wenn wir auch unsere negativen Emotionen „umarmen“ können. Und uns so annehmen, wie wir nun einmal sind. „Wir sind gut, genauso wie wir sind“ – ein Gedanke, der vielen von uns schwer fiel zu glauben. Aber erst dann bin ich frei, auf das Leben zu reagieren, ohne Angst, spontan, angemessen und voller Nächstenliebe. Umso mehr fühlen wir uns dem Leben, so wie es gerade ist, gewachsen.

Ja, wir sind verantwortlich für unser Leben. Niemand anderes ist verantwortlich für mein Glück. Ich habe verstanden. Wir sind verantwortlich, heißt aber auch: Wir dürfen es uns so richtig gut gehen lassen. Jetzt und immer weiter. Und nicht weil ich krank bin, sondern weil ich es wert bin.

Sechs Wochen nach dem Kurs in „Selbstliebe“ erhielt ich einen Brief. Es war einer der zärtlichsten, wärmsten Briefe, den ich je erhalten habe! Ich selbst hatte ihn an mich geschrieben. Immer noch finde ich ihn nicht übertrieben!